Der Turm ist nicht mehr zu sehen - Ilse Stubenberger
(Leseprobe aus dem Buch: "Als Großvater in den Krieg ziehen musste")
Im September 1943 trat ich in die Volksschule in St. Margarethen ein.
Ich ging mit mehreren Kameraden den Schulweg zu Fuß von Obermur nach St. Margarethen. Damals, sechsjährig, wurde ich immer aufmerksam, wenn meine Eltern von den Schrecken des Krieges erzählten. Im Jahre 1944, als ich die zweite Klasse der Volksschule besuchte, war der Unterricht sehr oft durch Fliegeralarm gestört.
Oft heulten schon am Vormittag die Sirenen. Wir wurden dann beim Voralarm schnell nach Hause geschickt. Wenn Hauptalarm war, mussten wir sofort mit unseren Lehrern die Schule verlassen und einen in den Kalvarienberg gegrabenen Bunker aufsuchen.
Dort mussten wir auf engem, feuchtem und nur schwach beleuchtetem Raum manchmal mehrere Stunden verbringen. Manchmal hörten wir das Dröhnen der feindlichen Bomberverbände, welche unser Gebiet überflogen. Auch zu Hause konnte ich oft in großer Höhe vorüberfliegende Bomberstaffeln beobachten. Am Abend verdunkelten meine Eltern die Fenster. Wenn den Eltern die Gefahr zu groß schien, gingen wir in den Gewölbekeller unseres Hauses.
Am Palmsonntag 1944 erschraken wir durch eine Detonation nach einem Flugzeuggeräusch.
Am Nachmittag erfuhren wir, dass ein Bombenabwurf das Bauernhaus "Roatmoar" in Gobernitz in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte. Sechs Tote waren die ersten Opfer in unserer Nähe. Dann kam der 23. Februar des Jahres 1945. Ich war damals knapp acht Jahre alt. Ich hätte um 10.30 Uhr die Schule besuchen müssen.
Es war ein klarer, kalter Wintertag. In die Schule kam ich nicht mehr, denn am Vormittag heulten die Sirenen, und Motorengedröhn war zu hören. Vom Süden kamen diesmal die todbringenden, silbrig glänzenden Vögel, und bald darauf war ein unheimliches Zischen und Pfeifen zu hören. Der Vater schrie: "Schnell, in den Keller!"
Sekunden später zitterten die Grundmauern des Hauses und Fenster klirrten. Das ging mit kurzen Unterbrechungen eine Weile fort, ich weiß nicht mehr, wie lange. Meine Mutter und meine Tanten weinten und beteten im Keller.
In einer längeren Pause gingen Vater und ich aus dem Keller. Nach Knittelfeld blickend, sahen wir gewaltige Staub- und Rauchwolken, die sich ausbreiteten. Es dauerte nicht lange, da mussten wir wieder schleunigst in den Keller, denn das gleiche Inferno ging von neuem los. Wir hatten alle große Angst.
Von neuem bebte die Erde und zitterten die Mauern von den vielen Bombenabwürfen. Oben in der Küche klirrten Fenster und Geschirr. Endlich wurde es ruhig. Wir stiegen alle aus dem Keller und sahen voll Angst aus dem Haus. Bis auf einige Fensterscheiben war bei uns gottlob alles noch heil. Aber die Stadt Knittelfeld war in eine riesige Staubwolke gehüllt. Aus dem Gelände der Eisenbahnwerkstätte schlugen Flammen und dichte Rauchschwaden empor. Es dauerte lange, bis sich Staub- und Rauchwolken verzogen. Vater sagte: "Der Turm der Stadtpfarrkirche ist nicht mehr zu sehen." Erst nach ein paar Tagen wagten wir uns zu Fuß in die Stadt. Mich packte Angst und Schrecken, als ich die Verwüstungen sah. Viele Häuser waren nur mehr Schutt und Trümmer. Wo die Straße gewesen war, waren oft zahlreiche, viele Meter breite Bombentrichter. Bei Nachbarn, nur rund 700 Meter von uns entfernt, war eine Kraterlandschaft von vierzig Bombeneinschlägen.
Die beiden Bände "Großmutter, wie war das damals?" und "Als Großvater in den Krieg ziehen musste" sind erhältlich bei der Buchhandlung Morawa in Knittelfeld.

